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Histamin-Intoleranz und die Psyche

Mein gesundheitlicher Zustand wird immer stabiler. Lange habe ich die Ursache von meiner Nahrungsmittel-Intoleranz nicht verstanden. Deshalb hatte ich auch nicht wirklich einen Schalter, mit dem ich etwas kontinuierliches verändern konnte. Gerade lese ich ein Buch, bei dem es vor Aha-Effekten nur so wimmelt – ein Wimmelbuch.

Oder doch die Psyche?

Hatte ich vor 4 Jahren noch getitelt, dass die Symptome oft auf die Psyche geschoben werden, lerne ich gerade, dass eine Nahrungsmittel-Intoleranz doch sehr viel damit zu tun haben könnte. Streng genommen geht es gar nicht um die Psyche, sondern um den Körper. Noch strenger genommen geht es um das Nervensystem. Bei der Vorbereitung einer Fortbildung zum Thema Selbstfürsorge habe ich mich in ein Konzept des Nervensystems eingelesen, das mich einfach vom Hocker gehauen hat.

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Ein schöner Platz in der Natur beruhigt das Nervensystem

Und plötzlich kenne ich einen Schalter

Es hat nicht gleich beim ersten Lesen klick gemacht, ich habe die Texte zur Polyvagal-Theorie einige Male durchgelesen, bevor ich den Schlüssel in der Hand hatte, der für mich alles änderte. Mir ging es zwar nach wie vor gut und ich bin seit Wochen symptomfrei – aber schon eine kleine Übertretung der Regeln was ich esse wird mir einen Migräne-Anfall bescheren. Diese Unsicherheit sitzt mir im Nacken wie ein schwarzes Etwas, von dem ich nicht weiss, wann es wieder das nächste Mal zuschlagen wird. Dr. Steven Porges ist Psychiater und verheiratet mit einer Frau, die als Traumatherapeutin ausgebildet ist – in Somatic Experience nach Peter Levine.

Das Nervensystem in eine hierarchische Ordnung gebracht

Bisher ging ich davon aus, dass mein Nervensystem aus dem Parasympathikus und dem Sympathikus besteht. Da hat Porges auch keine anderen Neuigkeiten. Wo er neue Gedanken hineinbringt ist, dass es nicht willkürlich ist wann welcher Teil des Nervensystems anspringt, sondern dass es Sinn macht welcher Teil davon reagiert. Er geht davon aus, dass der Vagus-Anteil dreigliedrig aufgebaut ist – und das sogar entwicklungsgeschichtlich aufeinander aufbauend. Da ist der Teil, der unser soziales Zusammenleben regelt – dieser ist verantwortlich für die Fähigkeit von Empathie und Empfinden von Nähe, stellt also die Grundlage für unsere sozialen Fähigkeiten dar. Sobald uns Sicherheit verloren geht, schält unser Vagus auf eine entwicklungsgeschichtlich ältere Struktur um und geht entweder in Kampf- oder in Fluchthaltung. Wenn die Bedrohung noch stärker wird und wir uns in Lebensgefahr befinden, schält der Körper um in einen Schock-Modus und friert seine Energie ein. Diese Funktionen des Nervensystems ist die Grundlage von Somatic Experience und Steven Porges hat diese den Funktionen der Nervenleitungen zugeordnet.

Und was ist jetzt der Schalter?

Mir ist einfach klar geworden, dass mein Nervensystem nur diese drei Modi kennt – mehr gibt es nicht. Wenn ich im Kampf-Modus bin und mit meinem Partner streite, dann kann ich über eine klare Entscheidung da aussteigen und wieder in den Nähe-Modus gelangen. Wie? Dadurch, dass ich für Sicherheit sorge. In meiner Fortbildung ging es um Achtsamkeit. Darüber lässt sich das Nervensystem beruhigen – was übrigens auch durch soziale Interaktion möglich ist oder durch Spaziergänge in der Natur. Vielleicht war es anderen auch so klar – durch die Beruhigung des Nervensystems kann die Symptomlastk einer Nahrungsmittel-Intoleranz reduziert werden. Seit ich das verstanden habe, hatte ich nie wieder diese schwarze Wolke in meinem Nacken, von der ich nicht weiss wann sie das nächste Mal zuschlagen würde.

Was bringt aber mein Nervensystem in Aufruhr?

Die Polyvagal-Theorie war nur der Anfang – ich habe noch mehr entdeckt. Aufbauend auf dieser Theorie haben zwei andere Therapeuten ein Modell entwickelt, auf dem sie erklären können warum das Nervensystem von Menschen, die keine so einfache Kindheit hatten, anders reagiert als von Menschen, die mit einer gewissen Sicherheit in dieses Leben geplumpst sind. Sobald ein Säugling existenziellen Themen ausgesetzt ist und nicht durch das Umfeld beruhigt wird, findet Überforderung statt. Diese wiederum hat Konsequenzen für das Erleben. Und hier kommt dann wieder die Psyche ins Spiel. Das Buch liest sich für mich wie ein Krimi – und ich kann es Menschen, die an einer Nahrungsmittel-Intoleranz leiden wirklich sehr ans Herz legen. Ich empfehle es sogar jedem, der an einer chronischen Krankheit leidet. Das Buch enthält auch Lösungsstrategien, der Titel ist „Entwicklungstrauma heilen“.

Was hat sich für mich dadurch verändert?

Jahrelange Gewohnheiten lassen sich nicht so schnell verändern. Heute nacht hatte ich mal wieder Schlafstörungen, ich bin nach Wochen guten Schlafes mal wieder um halb drei aufgewacht und lag lange wach. Ich habe verstanden warum das so war – weil ich vor dem Einschlafen zu lange mental aktiv war – ich habe zu lange gelesen und mir vorgenommen, vor dem Schlafengehen wieder dafür zu sorgen, dass sich mein Körper beruhigen kann. Hilfreich ist für mich auch, dass mein Partner mit mir an einem Strang zieht – unsere Kämpfe haben aufgehört. „Wir kriegen das schon hin.“ hat sich verändert in „wir lieben das schon hin.“, er unterstützt mich anstatt mir unnötig Druck zu machen. Was mir weiter hilft ist, dass ich immer wieder nachspüre in welchem Modus ich gerade bin. Wenn ich mal wieder dissoziiert bin hilft mir Achtsamkeit wieder präsent zu sein. Gerate ich in den Kampf- oder Fluchtmodus, frage ich mich was mir Sicherheit gibt, damit ich wieder mit mir und meinen Bedürfnissen verbunden bin. Ich bin nicht mehr ausgeliefert, sondern kann mein Befinden steuern. Täglich besser – und das gibt enorm viel Selbstvertrauen und die Lebensfreude wird auch immer mehr.

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Bild: Shivani Allgaier (cc)